Der geschundene Plettenberg

Panorama Holcim Steinbruch Plettenberg

Die Schwäbische Alb ist nicht der Tourismushotspot des Jahres 2021. Der Tourismus im südlichen Zipfel der Schwabenalb entwickelt sich erst. Oftmals Natur pur, määndernde Bäche und Flüsse, funktionierende Wälder, kaum Menschen, denen auf Wanderungen begegnet werden kann und jede Menge Geschichte. So richtig vorwärts kommt mensch beim Wandern nicht, es gibt an jeder Ecke was zu sehen. Und abseits der neuen Design-Wanderrouten, auf den alten Pfaden des Albvereins… Herrlich! Ameisenhaufen mannshoch (!), Fernblicke bis zu den Alpen. Ein Gebiet zum Verlieben. Herrlich!
Natürlich darf neben all den Naturschönheiten die Alb-Küche nicht vergessen werden – Spätzle, Maultaschen (auch vegetarisch zu bekommen!), die echten Donauwellen… Leute! Das Ergebnis: Äquatorialwachstum.

Die offene Wunde

Herbert Meyer in seinem Wanderführer Schwäbische Alb West: “Zumindest einmal im Leben sollte man dem vergewaltigten Berg aufs eingefallene Dach steigen, schon allein wegen der Aussicht.” (S. 48, 7. Auflage, 2019). Also, wenn der Berg nicht so soll ist, dann reicht ja auch ein trüber Regentag dafür aus… Das war eine klassische Fehleinschätzung.

Die offene Wunde des Plettenbergs, einem der 1000er der Region. Nein, er ist mit 1001,7 m nicht der höchste Berge der Alb, aber der – rein subjektiv – mit den interessantesten Talblicken und einer unglaublichen Artenvielfalt auf Kalk-Magerwiesen. Besiedelt von der Jungsteinzeit bis 1600, alemannische Gräber, Eisenverhüttung, Karsthöhle, die Reste einer mittelalterlichen Burg.

Die Firma Holcim betreibt seit 1942 auf dem Plettenberg einen Kalksteinbruch, der das Dach des Plettenberges wegfrisst und die “Krone” stehen lässt. Radlader schaufeln den durch Sprengung gebrochenen Kalk in Caterpillar Muldenkipper 772G. https://www.cat.com/de_DE/products/new/equipment/off-highway-trucks/off-highway-trucks/18549188.html

Knappe Seitenwände verbergen den unmittelbaren Blick

3000 Tonnen täglich

Motoren heulen auf, wenn die Muldenkipper die Steigung aus dem Steinbruch zum Brecher erklimmen. Und wieder wird ein Teil des Plettenbergs in kleine Stücke geschreddert, in die Loren der surrenden Seilbahn eintonnenweise gekippt und in den Schlund des Zementwerkes Dotternhausen der Firma HOLCIM talwärts transportiert. Und dort wird aus dem Plettenberg Zement, Zement für den Bau von Autobahnen, Häusern und alles, wozu man eben Zement benötigt.

Pro Tonne Zement 600 kg CO2

Dafür bedarf es Energie, inzwischen oftmals durch Sekundärbrennstoffe wie Altreifen, Öle oder auch Kunststoffe und Plastik des Grünen Punktes ergänzt. Hinzu kommt das bei der Zementherstellung selbst erzeugte CO2. Acht Prozent der weltweiten CO2-Emissionen gehen auf das Konto der Zementherstellung. Noch kleiner: Pro Tonne Zement entstehen 600 kg CO2 (1/3 Energie, 2/3 rohstoffbedingte Prozessemissionen). Für Deutschland heißt das: 20 Millionen Tonnen CO2 im Jahr 2019. Sicher, die Branche will grüner werden [https://www.handelsblatt.com/unternehmen/energie/klimaschutz-klimakiller-beton-so-will-die-deutsche-zementindustrie-co2-neutral-werden-/26652040.html], aber:

Zuletzt am 19. Juli 2021 demonstrierten Umweltschützer:innen vor den Toren des Zementwerkes Dotternhausen. Die Bürger:innen wehren sich gegen den Kalkabbau und die durch Aktivist:innen vermuteten giftigen Gase durch die Zementherstellung, wobei sie nicht genau wissen, was tatsächlich in die Luft durch die wohl veralteten Filteranlagen geblasen wird. Dabei könnte es schon helfen, die stündlichen Abgaswerte zu veröffentlichen. Warum macht Holcim das als ökologisch orientiertes Unternehmen nicht? Sicher, die Grenzwerte für Zementfabriken werden bestimmt eingehalten. Aber allein das wäre ein Thema, das jeder/jedem Grünen im Musterländle die Zornesröte in das Gesicht treiben müsste. Über den Juli-Protest des Jahres berichtete auch der SWR, wenn auch nur kurz: https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/tuebingen/demo-zementwerk-holcim-100.html

Und zu gerne möchte Holcim auch den Südteil des Plettenbergs zu Zement verarbeiten. Klar, die Bauindustrie boomt und die Zementnachfrage steigt weltweit. Beton wird auch zukünftig benötigt werden. Gerade auch in Hamburg.
Das Spreng- und erschütterungstechnische Gutachten enthält eine topografische Karte für den Überblick: https://www.rvna.de/site/Regionalverband+Neckar+Alb/get/params_E-712916539/12194850/Gutachten_SB_Plettenberg_Dotternhausen_Spreng_Erschuetterungstechnik.pdf
Stellen Sie sich den Plettenberg einfach als hohlen Zahn vor. Die Ränder stehen noch…

Und mit diesen frischen Eindrücken des geschundenen Plettenberges von der Schwabenalb von vor ein paar Tagen treffe ich im Hamburger Sandtorhafen am Donnerstag auf ein Müllsammelboot für die Philippinen, gesponsert von Holcim. Da klingelte was. Was wohl die Aktivist:innen von Dotternhausen davon halten?

Sie können sich über die folgenden Links gerne in die Thematik einlesen und dann selbst weiterforschen:

Leser:innenbriefe NUZ: https://www.nuz-ev.de/plettenbergabbau/leserbriefe/

Kalksteine im Oberjura. LGRB Wissen: https://lgrbwissen.lgrb-bw.de/rohstoffgeologie/rohstoffe-des-landes/kalksteine-im-oberjura

Firmengeschichte Rohrbach-Zement: https://www.holcim.de/sites/germany/files/atoms/files/geschichte_rohrbachzement.pdf

Das Holcim-Firmenjournal des Standortes Dotternhausen: https://www.holcim.de/sites/germany/files/atoms/files/standortmagazin_journal_2016-01.pdf