Himmelsbotschaften

Drei Tage (01.03.-02.03.2021)* wenig Wind und nahezu blauer, frühlingshafter Himmel über Hamburg: Perfektes Flugwetter für die Skytexter aus Unterwössen (Traunstein), um eine Werbebotschaft für einen Streamingdienst zu verbreiten.

Zunächst ist nur ein monotones Brummeln aus scheinbar großer Entfernung zu hören. Beim Blick nach oben, sind in großer Höhe – etwa 3000 m – fünf, nein sechs kleine Flugzeuge auszumachen. Plötzlich hinterlässt einer der Flieger einen weißen Punkt, danach stoßen auch alle anderen Flieger nach Plan weiße Zeichen in Form von mehr oder weniger langen Linien aus. Es formen sich Buchstaben, danach Worte, dann eine Wortgruppe. Satzzeichen fehlen.

Die Aufmerksamkeit dieser Form der Werbung ist gesichert. Natürlich schauen die Menschen nach oben. Auch im fluglärmgeschädigten Niendorf ist das der Fall. Der Überraschungsmoment zählt. Handyvideos werden aufgenommen und natürlich in SocialMedia geteilt, Grundschulkinder versuchen das Geschriebene zu erkennen und buchstabieren teilweise mühevoll (Corona-Folgen?). Schon nach kurzer Zeit verdünnen sich die Schriftzeichen am Himmel. Zurück bleibt – von unten aus betrachtet – Nichts.

Was fliegt denn da?

Für die Botschaften auf Bestellung nutzen die Skytexter sechs einmotorige Kleinflugzeuge, wobei ein Führungsflugzeug fünf „Texter“ kommandiert. Die Aufnahmen entstanden am 02.03.2021. An diesem Tag waren die folgenden Flugzeuge im Einsatz, wobei der Einfachheit halber grobe optische Unterschiede die Identifikation aus der Untersicht erleichtern sollen:

  • Führungsmaschine (einzeln fliegend): D-ENVY, Extra EA 300L (unsicher, Erkennung schwierig)
  • violett-schwarz gestreift: D-EXTI, XtremeAir XA41
  • Schachbrettmuster: D-EIXA, XtremeAir Sbach 342
  • grün-gelb: D-EXRI, Extra EA 300
  • rot(-weiß): D-EXKS, Extra EA 300 LP
  • Doppelddecker mit Sternchen: N912ST, Pitts S-2B Special

Wer fliegt?

Besetzt seien die Flugzeuge mit erfahrenen Kunstflugpilot:innen. Fliegerisches Können, gepaart mit Präzision und Vertrauen im Team, seien Voraussetzung für diese Form des Fliegens, erklärte Tim Tibo, hauptberuflicher Airbus-Kapitän und Kopf der Skytexter in einem Galileo-Beitrag [https://www.galileo.tv/video/skytexter-wie-funktioniert-das/].

Wie wird geflogen?

Die Maschinen steigen auf etwa 3000 Meter Höhe, richten sich in Linie bei einer Geschwindigkeit von 250 km/h aus, halten einen Abstand von 40 bis 50 Metern zum Nachbarn. Alle Maschinen sind per WiFi miteinander verbunden. Aus der Führungsmaschine heraus werden mittels Computerprogramm die Rauchsysteme entsprechend des beabsichtigten Zeichens gestartet. Die Buchstaben haben eine Ausdehnung von etwa 200 mal 200 Metern. Allein die freundliche Begrüßung „Moin Hamburg“ kommt so auf eine Länge von ca. 2400 Metern!

Wo wird geflogen?

Ideale Orte für das Skytexten sind Metropol- oder Tourismusregionen, Hafengeburtstage, Messen, Konzerte, Festivals, Fußballevents… Sicher macht es keinen Sinn über Gebieten zu skytexten, in denen die Besiedlung nur dünn ist.

Das Rauchsystem

In den heißen Abgasstrom der Motoren des Quintetts wird in programmierten Abständen medizinisches Weißöl injiziert. Dieses Weißöl verdampft in der Hitze des Abgasstroms und hinterlässt eine weiße Rauchfahne. Zeit und Menge müssen präzise gesteuert werden. Die Schrift soll weder zu dick, noch zu dünn oder nach alter Tintendruckermanier ausgefranst am Himmel stehen.

Das medizinische Weißöl – ein Paraffin ohne Aromaten und Schwefelverbindungen – ist geruchs-, geschmacks- und farblos. Es darf auch in der Lebensmittelindustrie oder Kosmetik eingesetzt werden.

Und was ist mit der Umwelt?

Auf ihrer Internetseite gehen die Skytexter auf diese Frage ein. Die Maschinen flögen CO2-neutral durch eine Kooperation mit dem Partner ClimatePartner.

Das im Rauchsystem verwendete medizinische Weißöl löse sich ohne Rückstände in der Höhenluft auf und stelle keine Gefahr für die Gesundheit oder die Umwelt dar.

Eine Kompensation für zusätzlichen Fluglärm gibt es nicht. Und natürlich darf die Frage gestellt werden: Braucht es das Skytexten überhaupt?

Was kostet das?

Gegenüber dem ORF Salzburg erklärte Tim Tibo: „Wir haben gleich fünf solcher Kunstflugmaschinen im Einsatz und liegen damit pro Einsatzstunde bei insgesamt 8.000 bis 10.000 Euro. An den Orten bzw. der Anreise dorthin orientieren sich dann auch die Gesamtkosten.“ [https://salzburg.orf.at/stories/3062571/]

Alternativen

Früher gab es Bannerschlepp: ein Kleinflugzeug müht sich mit einem Transparentbanner und umkreist mehrfach das Zielgebiet. Problem: Eine Seite kann die Botschaft immer nur spiegelverkehrt erkennen und zum anderen nervt es, da die Flughöhe eher gering ausfällt, da sonst die Botschaft nicht zu erkennen ist.

Denkbar wäre auch, eine Kunstflugstaffel zu engagieren, die sogar in Schreibschrift Text oder in Schnörkeln Symbole etc. an den Himmel schreiben könnte. Das macht z. B. das Acroteam aus Meschede (Sauerland).

Weniger auf den Augenblick, sondern mehr auf die Langzeitwirkung gerichtet, sind sogenannte Radarplots oder die Radarmalerei. Dazu fliegen Pilot:innen eine zuvor per GPS programmierte Route ab, die verschiedene Formen und Muster enthalten kann und am Boden von Radargeräten aufgezeichnet und als Flugspur in entsprechenden Programmen oder auf Webseiten ausgegeben wird. Hier ist der Kreis derer, die Kenntnis davon erhalten, im Verhältnis zum Skytexten sehr klein.

Skytexter Website: https://skytexter.com

*Erstveröffentlichung am 2021-03-10